Pieschen für Alle

Zusammenleben im Stadtteil

An den Ortsbeirat Pieschen: Aufruf zum Dialog

Aufruf von Pro Pieschen e.V.

Dresden, 3. Dezember 2015

Sehr geehrter Herr Wintrich,
sehr geehrte Mitglieder des Ortsbeirates Pieschen,

die Flüchtlinge halten uns in Atem. Woche um Woche, und ohne, daß es Ende absehbar wäre. Erstaufnahme, Registrierung, Unterbringung durch die Stadt, Verpflegung, Deutschlernen, Betreuung, Integration – all das will durchdacht, organisiert, finanziert sein. Die Belastungen spüren wir auch bei der Organisation der ehrenamtlichen Hilfe im Rahmen der Initiative „Pieschen für alle“ unter dem Dach von Pro Pieschen e.V.. Ich gestehe, daß ich inzwischen häufiger denke: Ein kurzes Nachlassen des Problemdrucks, eine Pause zum Durchatmen wären kostbar…

Was mich zum Weitermachen motiviert, ist der Blick auf die Alternativen. Die Flüchtlinge ihrem Schicksal zu überlassen, erscheint undenkbar angesichts der Berichte vom Elend in den Lagern der Region. Ein schnelles Ende der fanatisch geführten Konflikte, vor denen die Menschen fliehen, ist auch nicht absehbar; und militärische Interventionen dort versprechen nur scheinbar eine durchgreifende Lösung. Sie würden ungleich mehr kosten als unsere Hilfe hierzulande, bei äußerst ungewissem Ausgang. So betrachtet, verstehe ich das Engagement für die Flüchtlinge, die jetzt nach Dresden kommen, auch als eine langfristige Investition in die Kräfte, die den Nahen Osten einmal tatsächlich wirksam befrieden werden, und ich bin froh, diese Investition mit Herz, Verstand und Tatkraft mitgestalten zu können.

Für viele Menschen in Dresden stellt sich die Lage allerdings anders dar. Sie nehmen die Flüchtlinge als Bedrohung wahr, vor allem dann, wenn sie selbst um ihre eigene Stellung in unserer Gesellschaft bangen. Aus ihrer Sicht kosten die Flüchtlinge unser Geld, sie nehmen die Wohnungen weg und demnächst auch die Arbeitsplätze; sie überfremden die Nachbarschaften und bilden ihre eigenen, undurchsichtigen Netzwerke. Die massiven Ängste, die sich hier Bahn brechen, begreife ich als ein Mißtrauensvotum an unser Gemeinwesen. Die Ausgrenzung solcher Ängste als „rassistisch“ hilft da wenig. Was vielmehr not tut, ist mehr Gemeinwesen. Und das heißt für mich zunächst einmal: Mehr Dialog, gerade über Milieugrenzen hinweg. Gegenseitige Anerkennung. Ernsthafte Auseinandersetzung mit den Sorgen auf allen Seiten. Ohne Herabwürdigung von Anderen.

Mehr Dialog. Die Flüchtlinge als Aufhänger. Aber eigentlich mit einem Fokus auf der Sorge um unser Gemeinwesen und auch um unsere ganz persönliche Stellung darin. Das erscheint mir in dieser Zeit als das zweitwichtigste Anliegen für unsere Stadt – gleich nach der praktischen Bewältigung der Flüchtlingskrise.

Wie könnte ein solcher breiter Dialog für den Bereich des Ortsamtes Pieschen aussehen?

Darüber würden Heidi Geiler und ich als Vertreterinnen des Vereins Pro Pieschen mit Ihnen sehr gerne ins Gespräch kommen. Einige konkrete Vorschläge finden Sie beigefügt – gerne zu Ihrer freien Verwendung.

Vielleicht kann die Debatte im Ortsbeirat am 8. Dezember zur Vorlage zum geplanten Containerdorf Washingtonstraße schon als ein erstes Forum dienen, um darüber gemeinsam nachzudenken.

Vielen Dank für Ihren Einsatz für unsere Stadtteile!

Freundlich grüßt Sie, auch im Namen der Vereinsvorsitzenden Heidi Geiler,
Anja Osiander

Anhang: Vorschläge für einen Dialog in Pieschen – zur freien Verwendung (RTF, PDF)

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