Pieschen für Alle

Zusammenleben im Stadtteil

Bericht von der dritten Runde „Pieschen für alle“ am 9. September 2015

Pieschen für alle, Runde 3: Konkrete Hilfe für die Flüchtlinge in Pieschen – am Mittwoch, 9. September 2015, 19 bis 21 Uhr im Emmers, Bürgerstraße 68

Mehr als vierzig hilfsbereite Pieschener waren gekommen, darunter auch Vertreter der Freien evangelischen Gemeinde und der Laurentiusgemeinde sowie der Pieschener Niederlassung von T-Systems und ein in Pieschen wohnender Mitarbeiter der Arbeitsagentur, der speziell für Asylbewerber zuständig ist. Sie wurden begrüßt von Anja Osiander als Vertreterin der Initiative „Pieschen für alle“ sowie von Andreas Naumann, dem leitenden Sozialarbeiter für die Betreuung der Flüchtlinge in Pieschen und Klotzsche. Mit ihm waren drei seiner Kollegen und drei Mitarbeiter aus dem Büro des Sächsischen Flüchtlingsrates gekommen.

Der Sächsische Flüchtlingsrat e.V. ist einer von acht freien Trägern mit besonderen Fachkenntnissen zur Integration von Ausländern, die im März von der Stadt beauftragt wurden, die Flüchtlinge zu betreuen. Die freien Träger haben das Stadtgebiet unter sich aufgeteilt. Der Sächsische Flüchtlingsrat ist für die Ortsamtsbereiche Pieschen und Klotzsche zuständig. Dort betreuen Andreas Naumann und seine Kollegen zur Zeit rund 450 Menschen. Der Flüchtlingsrat stellt gerade weitere Sozialarbeiter ein, um dem Beschluß des Stadtrates gerecht zu werden, daß pro 100 Flüchtlingen ein „Profi“ für die Betreuung sorgen solle.

In der Runde am Mittwochabend erläuterte zunächst Andreas Naumann die Lage der Menschen, deren Flucht vorerst hier bei uns ein Ende gefunden hat. Dann verteilten sich die Anwesenden auf ihn und seine drei Kollegen, um Adressen und konkrete Ideen auszutauschen. Diesem Ablauf folgt auch der weitere Bericht: erst Analyse der Lage, dann Vorschläge dafür, wie unsere Hilfe organisiert werden kann.

„Diese Menschen haben viel auf sich genommen, um der Perspektivlosigkeit des Ortes zu entkommen, von dem sie geflohen sind. Und nun landen sie dank der Bürokratie unseres Asylsystems wieder in der Perspektivlosigkeit.“

Das war der Kernsatz von Andreas Naumann, als er die Lage der Geflüchteten beschrieb. Unter Lebensgefahr haben diese Menschen einen Ausweg gesucht aus einer aussichtslosen Lage. Im vermeintlich sicheren Ziel sind sie aber bis auf Weiteres in einer anderen Form von Aussichtslosigkeit gefangen. Konkret:

  • Die Menschen werden in überfüllte Unterkünfte eingewiesen, mit wenig Rücksicht auf Spannungen zwischen Volksgruppen oder Geschlechtern und wenig Chancen auf Rückzugsräume oder Privatsphäre.
  • Sie dürfen nicht arbeiten.
  • Sie können kein Deutsch.
  • Sie kennen sich in der Stadt nicht aus.
  • Sie trauen sich deswegen auch nur wenig auf die Straße, was die Spannungen in der Unterkunft verschärft.
  • Sie haben beantragt oder wollen beantragen, bleiben zu dürfen, wissen aber nicht, wann und wie das entschieden wird.

Was kann da helfen?

  • Zuwendung
  • Verbindlichkeit (dauerhafte Angebote, nicht nur einmalige Aktionen)
  • sinnvolle Beschäftigung (nicht nur Hobbies!)

Kluft zwischen Angebot und Bedarf
Von der Lage der Wartenden hört, liest und sieht man in unseren Nachrichten nur wenig. Im Vordergrund steht das Drama der Neuankömmlinge ohne Hab und Gut. Entsprechend richten sich auch viele Hilfsangebote eher darauf aus, den Neuankömmlingen Erste Hilfe zu leisten. Oder sie orientieren sich aus Unkenntnis mehr an der Lebenswelt der Anbieter und weniger an der aktuellen Lebenswelt derer, denen man helfen will.

Wie kann man diese Kluft überwinden? Wie kann man das Kernproblem angehen?
Am Mittwochabend im Emmers haben wir folgende Antworten gefunden:

  • Jede(r) einzelne zählt. Das A und O ist, an die Menschen selbst heranzukommen. Nur so kann man sich vorstellen, wie sie konkret und individuell der Aussichtslosigkeit entkommen können.
  • Spezialisierung auf bestimmte Formen von Fremdheit: Um möglichst nah an die Menschen heranzukommen, spezialisieren sich die „Profis“, also die Sozialarbeiter um Andreas Naumann, jeweils auf die Geflüchteten aus bestimmten Herkunftsgebieten. Auf diese Weise können sie sich ein Hintergrundwissen zu den Vorerfahrungen und zur Kultur der Menschen aufbauen. Und sie können sich besser auf die fremden Sprachen einstellen, mit denen sie zu tun bekommen. So gibt es in der professionellen Betreuung der Geflüchteten in Pieschen derzeit vier Gruppen:
    1. Arabischer Sprachraum (z.B. Irak, Syrien)
    2. Russischer Sprachraum (z.B. Tschetschenien, Georgien)
    3. Balkan
    4. Eritrea
  • Unsere Empfehlung für alle Freiwilligen:
    • Spezialisieren auch Sie sich auf Menschen mit einer bestimmten Art von Fremdheit. Orientieren Sie sich an der Einteilung der Sozialarbeiter (Arabisch, Russisch, Eritrea, Balkan).
    • Was können Sie für diese Menschen tun? Welche Talente, welche Erfahrung, welche Kontakte können Sie einsetzen? Wieviel Zeit haben Sie zur Verfügung?
    • Melden Sie sich bitte im Büro des Sächsischen Flüchtlingsrates:

      Tel. 0351 – 874 517 10 oder 0351 – 332 854 71
      (Bürozeiten: di, mi 11–15, fr 11–13)

      email: pkarbeit@sfrev.de; am besten mit Telefonnummer für einen Rückruf.

Weitere Ansätze:

  • Allgemeine Hilfsangebote: sind weiterhin sehr willkommen. Bitte melden beim Büro des Sächsischen Flüchtlingsrates (email und Telefon wie oben).
  • Vorschläge zum gegenseitigen Kennenlernen: Die persönliche Begegnung ist der beste Weg, um Vorurteile und Falschinformationen aufzulösen und einander besser zu verstehen. Die Haupthindernisse dabei sind: Sprachbarrieren und gegenseitige Scheu. Ideen und Angebote zu deren Überwindung bitte an info@pieschen-fuer-alle.de.
  • Netzwerke: Als Freiwillige sind wir stärker, wenn wir uns vernetzen. Vielleicht wollen Sie sich mit Nachbarn oder Bekannten zusammentun, um Flüchtlinge zu betreuen? Vielleicht können Sie Ihre Freunde im Verein oder Ihre Kollegen oder Ihren Arbeitgeber dafür gewinnen, sich um einen oder mehrere Geflüchtete zu kümmern?

Nächste Schritte von „Pieschen für alle“:

  • Koordination mit den „Profis“: Vertreter der Initiative „Pieschen für alle“ werden künftig an den wöchentlichen Dienstbesprechungen der Sozialarbeiter für die Flüchtlinge in Pieschen teilnehmen, um Ideen auszutauschen und die Hilfe durch die Ehrenamtlichen mit der Arbeit der „Profis“ abzustimmen.
  • Nächste Runde „Pieschen für alle“: am Mittwoch, 7. Oktober 2015, 19 Uhr im Emmers. Dann gibt es Neues zur aktuellen Lage der Geflüchteten in Pieschen und zu konkreten Ansätzen der Hilfe für sie.

Danke, daß Sie bis hierhin gelesen haben.
Danke für Ihre Ideen und für Ihr Tun.

Für „Pieschen für alle“ grüßt herzlich
Anja Osiander

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