Pieschen für Alle

Zusammenleben im Stadtteil

Ende der Willkommenskultur ?

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Ist die Zeit der Willkommensbündnisse vorbei?

Darüber haben wir bei der Großen Runde von „Pieschen für alle“ am 8. Juni diskutiert. Die Antwort hängt davon ab, was man unter „Willkommensbündnissen“ und unter „Willkommenskultur“ versteht. Einig sind wir uns darin, daß die Aufgaben sich gewandelt haben.

Angefangen hat alles als Reaktion auf die Aufmärsche von PEGIDA seit Oktober 2014. Der erste Aufruf zu einer Versammlung unter dem Motto „Pieschen für alle“ war bewußt offen formuliert. Die monatlichen Großen Runden bildeten die Plattform für einen Suchprozeß. Wir konnten Erfahrungen und Meinungen austauschen und besprechen, was uns am Herzen lag und wo wir handeln wollten. Die Aufgabe war denkbar weit gefaßt: Frieden im Stadtteil, lebendige Nachbarschaft, Hilfe für die Neuankömmlinge.

Seit dem September 2015 spitzte sich diese Aufgabe dramatisch zu. Die Balkanroute wurde zum Fluchtkorridor für Hunderttausende. Die Bundesregierung reagierte darauf so, wie Grundgesetz, Genfer Flüchtlingskonvention und EU-Recht es vorsehen: Wer vor Krieg und Verfolgung flieht, soll in diesem Land eine Zuflucht finden. Auf einmal ging es darum, ein abstraktes politisches Versprechen – eine Utopie – durch konkrete Taten mit Leben zu erfüllen. Und zwar so, daß die, die hier schon leben, dadurch nicht schlechter gestellt oder übergangen werden.

Inzwischen ist die Bundesregierung von diesem politischen Versprechen wieder abgerückt. Erklärtes Ziel ihrer Politik ist es spätestens seit dem Mai 2016 erneut, Flüchtlinge möglichst nicht mehr nach Europa und nach Deutschland kommen zu lassen. Das utopische Projekt, in das hinein „Pieschen für alle“ sich entwickelt hatte, gibt es so nicht mehr.

Was es noch gibt, sind mehrere Tausend Menschen, die als Geflüchtete nach Dresden gekommen sind und in deutlich kleineren Zahlen auch weiterhin kommen. Sie bereichern jetzt unsere Stadt und unsere Nachbarschaft. Besser gesagt: Sie können unser Zusammenleben bereichern. Wenn auch wir uns dafür öffnen. Die schlichte, aber nicht einfache Voraussetzung dafür ist, daß wir einander als Menschen und als Nachbarn erkennen. Außerdem bleibt die Aufgabe bestehen, den Neuankömmlingen zu helfen. Das Ziel: konkrete Hindernisse für ein Zusammenleben in Würde und in gegenseitiger Würdigung auszuräumen.

Im Rahmen der Initiative „Pieschen für alle“ wirken wir dabei gerne weiter mit. Vor dem neuen politischen Hintergrund verstehen wir uns als Stadtteilrunde für die Unterstützung von Geflüchteten – nachbarschaftlich, von Mensch zu Mensch. Wir konzentrieren uns auf die Gestaltung von offenen Treffs; wir vermitteln und betreuen Patenschaften; wir unterstützen die Vorbereitungsklasse an der 56. Oberschule. Unser Netzwerk wird verbunden durch die Netzseiten pieschen-fuer-alle.de, durch unsere mailing-Liste, durch den Erfahrungsaustausch der Paten untereinander und durch die monatliche Große Runde.

Ob man das nun noch Willkommensbündnis nennen möchte oder nicht, ist wohl eher zweitrangig. Wichtig ist und bleibt, was wir füreinander tun.

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