Pieschen für Alle

Zusammenleben im Stadtteil

Gespräche an der Turnhalle Thäterstraße

Seit zwei Wochen halten Bürger in Dresden-Übigau den Eingang zu einer Turnhalle besetzt. Warum? Weil die Halle als Notunterkunft für 59 Flüchtlinge dienen soll. Das hat die Stadtverwaltung am 30. September angeordnet. Sobald der Bedarf besteht, wird die Halle mit Flüchtlingen belegt werden, heißt es von seiten der Verwaltung. Das wollen die Protestierer vor Ort nicht zulassen.
In den vergangenen Tagen und Wochen gab es von verschiedenen Seiten Bemühungen, die angespannte Situation friedlich aufzulösen. Der Oberbürgermeister stellte sich am Tag nach der Entscheidung anderthalb Stunden lang vor Ort den Fragen und Meinungen von Bürgern. Ein CDU-Stadtrat übermittelte eine Liste von Forderungen von Bürgern für den Betrieb der Notunterkunft an die Verwaltung. Im Ortsbeirat Pieschen informierten eine Bürgermeisterin und ein Vertreter des Sozialamtes über die Planungen für die Halle und standen Rede und Antwort für Fragen und Meinungen von Mitgliedern des Ortsbeirates wie auch von Bürgern. Inzwischen haben sich außerdem unter dem Motto „Übigau sagt Willkommen“ Bürgerinnen und Bürger im Stadtteil zusammengeschlossen, um den Flüchtlingen, die in der Turnhalle untergebracht sein werden, das Leben zu erleichtern.
Heute nun fand eine weitere Gesprächsrunde statt. Das Besondere daran: Initiativen für und gegen Flüchtlinge treffen aufeinander. Und auch die Verwaltung ist dabei. Vor der umstrittenen Turnhalle trafen sich Vertreter der Protestierer mit Vertretern von „Übigau sagt Willkommen“; dabei waren außerdem eine Vertreterin der Initiative „Pieschen für alle“ und Herr Wintrich, der Leiter des Ortsamtes Pieschen, der auch für den Stadtteil Übigau zuständig ist.
Herr Wintrich machte die Zwänge aus Sicht der Verwaltung deutlich. Die Flüchtlinge seien kein Paket, das man in die Ecke stellen könne, bis ein guter Platz gefunden sei, sondern sie müßten sofort ein Dach über dem Kopf bekommen. Die Turnhalle in der Thäterstraße würde nicht vom Schulsport genutzt; deshalb sei sie ausgewählt worden. Es gäbe erhebliche bauliche Mängel; diese ließen sich aber mit verhältnismäßig kleinem Aufwand zumindest provisorisch beheben. Er hob hervor, daß er die Blockade nicht gutheißen kann und daß die Protestierer rechtswidrig handeln, wenn sie Eigentum der Stadt blockieren.
Was sich die Vertreter der verschiedenen Initiativen zu sagen hatten, darüber ließe sich viel erzählen. Die Meinungen gingen – wenig überraschend – weit auseinander in Bezug auf die Beweggründe der Menschen für ihre Flucht und auf ihre Motive hier, aber auch im Hinblick darauf, was das für unsere Gesellschaft bedeutet und wie wir damit umgehen sollten. Wichtig ist aber, daß sich auch Gemeinsamkeiten fanden. Und zwar in zwei wichtigen Bereichen:

  1. Alle Anwesenden waren sich einig, daß die Turnhalle als Unterkunft nicht menschenwürdig ist. Deshalb soll schnellstmöglich eine andere Lösung für die Unterbringung der 59 Betroffenen gefunden werden. Realistisch gesprochen, bedeutet hier „schnellstmöglich“, daß die Turnhalle zumindest für sechs bis neun Monate als Unterkunft für Flüchtlinge genutzt werden muß. Die spannende Frage ist, wie die Suche nach einer Alternative organisiert wird: nachvollziehbar für die Bürger, möglichst auch unter Beteiligung der Bürger.
  2. Alle Anwesenden waren sich einig, daß die Nutzung der Turnhalle als Unterkunft für Flüchtlinge viele Sorgen schafft – sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Anwohner. Die praktische Organisation von Essen, Körperwäsche und Schlafen übernehmen die Johanniter als Betreiber. Aber die wichtigen Fragen fangen erst danach an. Eine Auswahl: Was sollen die Menschen in der Turnhalle den ganzen Tag machen? Wie verhindern wir Lagerkoller, Trunkenheit, Aggression? Wie gehen wir mit den Ängsten von Frauen und Älteren um, die sich nachts nicht mehr auf die Straße trauen, weil sie den Flüchtlingen in der Turnhalle nicht trauen?

Diese Themen sollen in einer weiteren Runde besprochen werden. Sie trifft sich schon morgen, Sonnabend, 17. Oktober, um 17 Uhr im Schulungsgebäude des Deutschen Roten Kreuzes in Übigau, Eingang Werftstraße, 1. OG links, Raum Nr. 4. (Herzlichen Dank an das DRK für die unbürokratische und rasche Hilfe!)
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Wir bitten aber um Anmeldung, am besten per email an info@pieschen-fuer-alle.de, weil der Eingang von uns auf- und zugeschlossen werden muß.

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