Pieschen für Alle

Zusammenleben im Stadtteil

Übigau, zehn Tage später

Zehn Tage und Nächte sind vergangen, seit Menschen aus drei verschiedenen Initiativen sich in Übigau zusammenfanden und eine erstaunliche Übereinstimmung entdeckten. Der Verlauf des Gesprächs und vor allem seine Ergebnisse hatten viele Hoffnungen geweckt. Was ist daraus geworden?

Ich möchte auf diese Frage mit einer persönlichen Einschätzung antworten. Aus meiner Sicht sind sehr unterschiedliche Antworten möglich. Je nachdem, welche Perspektive man wählt:

  1. Unmittelbar: Nichts.
    Unsere Forderungen wurden nicht erfüllt. Die Turnhalle wurde von der Stadtverwaltung mit Flüchtlingen belegt, ohne daß es zu einem Gespräch über mögliche Alternativen mit den Bürgern gekommen wäre.
    Der Druck, unter dem die Verwaltung steht, ist offensichtlich viel größer, als die Teilnehmer der Samstagsrunde es sich hatten vorstellen können. Subjektiv und objektiv. Das haben Telefongespräche mit dem Ortsamtsleiter, mit der Sozialbürgermeisterin und mit einem weiteren Bürgermeister mir inzwischen deutlich gemacht. Es war schlicht zuviel verlangt, darauf zu hoffen, daß die Verwaltung ohne weiteres ihre Haltung ändern und sich von jetzt auf gleich für unsere Forderungen öffnen könnte. Dafür haben die Verantwortlichen zuviele schlechte Erfahrungen mit Bürgerversammlungen und Vorabinformationen gemacht; dafür sehen sie selbst zuwenig Handlungsspielraum.
  2. Für Übigau: Mehr Frieden.
    Die Turnhalle wurde belegt, ohne daß es zu einer Eskalation gekommen wäre. Kein Mob zog auf wie in Heidenau, in Freital oder zuletzt in Schneeberg. Die Blockierer haben ihr Zelt am Tag nach der Belegung selbst abgebaut und wollen nun eine eigene Bürgerinitiative bilden, die die Sorgen der Anwohner friedlich vertritt. Ihr Sprecher steht weiterhin in engem Kontakt mit dem Sprecher der Initiative „Übigau sagt Willkommen“. Der Autor der facebook-Seite „OrakelDebakel“, die den Blockierern als Sprachrohr diente, hat sich dagegen zurückgezogen und will nun von anderen Protesten berichten. – All das wurde auch deshalb möglich, weil in dem Gespräch der drei Seiten das Vertrauen in die Kraft des Dialogs gewachsen ist: Es ist möglich, Sorgen und Vorbehalte auf beiden Seiten zu äußern. Und auch, verstanden zu werden. Nachher handeln alle mit mehr reiflicher Überlegung als vorher.
  3. Mit längerem Atem: Neue Ansätze für die Unterbringung von Flüchtlingen in Dresden.
    Dranbleiben lohnt sich. Das ist meine Lehre aus vielen Anrufen und emails in den letzten Tagen. Es gibt jetzt zwei neue Ansätze zur Zusammenarbeit, die es vorher nicht gab.

    • Vertreter der drei Initiativen werden sich Anfang November mit dem Vorsitzenden des Deutschen Roten Kreuzes in Dresden zu einem Gespräch treffen. Schon die Vorgespräche dazu haben gezeigt, wie wertvoll es ist, die Flüchtlingskrise mal aus dem Blickwinkel der Hilfswerke zu betrachten.
    • Mit dem Sozialamt ist eine erste konkrete Vereinbarung getroffen: Bürger sollen künftig stärker in die Suche nach Angeboten zur privaten Unterbringung von Flüchtlingen eingebunden werden, indem sie Wohnungen begehen und begutachten. Dem Sozialamt wird damit viel Aufwand erspart; die Netzwerke der Willkommenskultur bekommen neue Anknüpfungspunkte.

    Kleine Schritte. Aber mit Schneeballpotential.

So nehme ich aus dem erst einmal vergeblichen Ringen um die Turnhalle in Übigau doch Hoffnung mit. Hoffnung darauf, daß wir – Bürger, Hilfswerke, Verwaltung – mehr Ideen entwickeln, wie wir konstruktiv zusammenarbeiten können, um die Flüchtlinge in Dresden besser unterzubringen. Und Hoffnung darauf, daß der Dialog von Übigau in Dresden Schule macht.

Dann kann Vertrauen wachsen. Dann entstehen auch neue Spielräume. Am Ende ist allen geholfen: Die Bürger bekommen mehr Information und werden bei den Entscheidungen mitgenommen. Die Verwaltung wird entlastet. Die Flüchtlinge bekommen einen besseren Start, um hier ein neues Leben aufzubauen und um unserer Gesellschaft auch schneller etwas zurückzugeben.

Utopie?
Mal sehn.

Anja Osiander, Sprecherin, Pieschen für alle, 27. Oktober 2015

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