Pieschen für Alle

Zusammenleben im Stadtteil

Verblüffende Wende in Übigau

Bericht von Anja Osiander, Sprecherin von “Pieschen für alle”

Am Sonnabend, 17. Oktober, fand in Dresden-Übigau etwas statt, was es in Dresden meines Wissens noch nicht gegeben hat. In einem Schulungsraum des Stützpunktes Übigau des Deutschen Roten Kreuzes trafen sich Mitglieder von drei verschiedenen Initiativen, die voneinander bis dahin meinten, ihre Meinungen zum Thema Flüchtlinge lägen schier unversöhnlich auseinander.

Mit von der Partie waren:

  • “Wir sind Übigau”, deren Mitglieder seit zwei Wochen den Zugang zur Turnhalle Thäterstraße blockieren, weil das Gebäude von der Stadtverwaltung als Notunterkunft für Flüchtlinge vorgesehen ist;
  • “Übigau sagt Willkommen”, deren Mitglieder sich als Reaktion auf die Blockade zusammengeschlossen haben, um Unterstützung für die bald ankommenden Flüchtlinge zu organisieren;
  • “Pieschen für alle”, ein Ableger des Stadtteilvereins Pro Pieschen, der in Reaktion auf die Pegida-Demonstrationen im Februar entstanden ist und sich für die Unterstützung von Flüchtlingen, aber auch für den Frieden in den Stadtteilen im Bereich des Ortsamtes Pieschen einsetzt.

Eigentlich war mein Plan gewesen, daß wir gemeinsam die beiden Themenbereiche besprechen, die am Vortag bei einer ersten Begegnung im Zelt der Blockierer nach meinem Eindruck auf allseitige Zustimmung gestoßen waren. Aber die anwesenden Übigauer hatten viel dringender das Bedürfnis, zu klären, wofür die jeweils andere Initiative eigentlich steht und wie man über Flüchtlinge denkt. Dabei konnten auf beiden Seiten gravierende Mißverständnisse ausgeräumt werden.

Es würde sich lohnen, genauer zu beschreiben, wie diese Annäherung im Einzelnen konkret verlief und welche Aussagen für die eine und die andere Seite zu Schlüsseln eines gegenseitigen Verstehens und Respektierens wurden. Aber dafür sollte man nicht nur meine Wahrnehmung heranziehen, sondern auch die Wahrnehmung von anderen Teilnehmern. Hier und jetzt will ich vor allem von dem verblüffenden Ergebnis dieser Annäherung berichten.

Alle Anwesenden konnten sich auf sieben Punkte einigen:

  1. Wir heißen Flüchtlinge in Übigau willkommen!
  2. Wir wollen uns dafür einsetzen, daß Flüchtlinge und Anwohner einander kennenlernen, und wir wollen bei der Integration der Flüchtlinge mitwirken.
  3. Wenn Flüchtlinge nach Übigau kommen, fordern wir von der Stadtverwaltung, folgende Rahmenbedingungen sicherzustellen:
    • ein Konzept für die Wahrung der öffentlichen Sicherheit (vor allem nachts) – bei der Ausarbeitung konkreter Maßnahmen wirken wir gerne mit;
    • Verbesserung der Straßenbeleuchtung in Übigau;
    • Sicherstellung der Nachtruhe.

    (Dies entspricht den Forderungen, welche von der Initiative “Wir sind Übigau” im Gespräch mit dem Stadtrat Veit Böhm formuliert wurden.)

  4. Wir sind uns einig: Die Turnhalle Thäterstraße ist nicht geeignet für die Unterbringung von Flüchtlingen. Nicht einmal als Notlösung!
  5. Als Alternative schlagen wir Räume im nahegelegenen Stützpunkt des Deutschen Roten Kreuzes vor.
  6. Wir wünschen uns: An einem Runden Tisch mit entscheidungsbefugten Vertretern der Stadtverwaltung und des Deutschen Roten Kreuzes erörtern wir gemeinsam, ob und wie die Räumlichkeiten des DRK in Übigau als Unterkunft für Flüchtlinge genutzt werden können.
  7. Wir wollen das Gespräch zwischen den Initiativen “Wir sind Übigau” und “Übigau sagt Willkommen” fortsetzen.

Alle Anwesenden werden diese Punkte nun in ihren jeweiligen Initiativen vorstellen und klären, inwieweit es auch innerhalb der Initiativen Zustimmung dafür gibt. Nach knapp zwei Stunden gingen alle mit neuer Hoffnung nach hause.

Ende des Berichtes.

Persönlicher Nachtrag:

Ich hoffe sehr, daß wir diesen Gesprächsfaden weiterspinnen können. Wenn viele Stimmen sich vereinen, wird es vielleicht möglich, eine entscheidende Stellschraube bei der Eingliederung der Flüchtlinge in unserer Gesellschaft besser zu steuern. Nämlich ihre Unterbringung.

Schlechte Unterkünfte schüren Frustration und Konflikte. Bei Flüchtlingen und bei Anwohnern. Schlechte Unterkünfte belasten die komplizierte Geschichte davon, wie die Flüchtlinge in unserer Gesellschaft einen Platz finden, gleich mit einem unguten Anfang.

Bis jetzt entscheidet die Verwaltung allein darüber, wie Flüchtlinge in Dresden einquartiert werden. Bis jetzt tut sie das nach undurchsichtigen, stark bürokratisch geprägten Kriterien. Bis jetzt bringt sie dabei in vielen Fällen nur wenig überzeugende Lösungen zustande.

Viel sinnvoller erscheint es, bei der Suche nach Unterkünften für die Flüchtlinge die Entscheidungsabläufe zu öffnen und gleich diejenigen hinzuziehen, die mit den konkreten Konsequenzen in ihrer Nachbarschaft leben sollen. Die Bürger müssen aus meiner Sicht von Anfang an einbezogen und nicht erst am Ende mit vollendeten Tatsachen konfrontiert werden.

Dieses Umdenken wünsche ich mir für Dresden. Das Treffen der Übigauer am 17. Oktober wird hoffentlich zu einem kleinen, aber wichtigen Schritt dabei.

Danke an alle, die dabei waren!

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